»Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott«
(GL 453)

Wor­te: Eugen Eckert; Musik: Anders Ruuth

 

Lied­por­trait von Mein­rad Walter

Nichts weni­ger als eine klei­ne Theo­lo­gie des Segens ent­wirft die­ses Lied in Wort und Ton. Im Hin­ter­grund steht der „Aaro­ni­ti­sche Segen“ aus dem alt­tes­ta­ment­li­chen Buch Nume­ri, Kapi­tel 6, Ver­se 22–27: „Der Herr sprach zu Mose: Sag zu Aaron und sei­nen Söh­nen: So sollt ihr die Israe­li­ten seg­nen; sprecht zu ihnen: Der Herr seg­ne dich und behü­te dich. Der Herr las­se sein Ange­sicht über dich leuch­ten und sei dir gnä­dig. Der Herr wen­de sein Ange­sicht dir zu und schen­ke dir Heil.“

Wenn die Gemein­de die­ses Lied anstimmt, dann stimmt sie sich ein auf den Zuspruch des gött­li­chen Segens. „Bewah­re uns, Gott, behü­te uns, Gott“ – die Bit­te ist so wich­tig, dass sie jede Stro­phe ein­dring­lich „ein­läu­tet“. Vier Mal wird sie ent­fal­tet. In der ers­ten Stro­phe geht es um Nah­rung für Leib und See­le. „Sei Quel­le und Brot in Wüs­ten­not“ – die­se Bit­te ist ein Echo auf die Erfah­run­gen des Vol­kes Isra­el mit Man­na (Ex 16) und Was­ser (Ex 17) in der Wüs­te. Zugleich klin­gen in sym­bo­li­scher Spra­che zwei Sakra­men­te an: Tau­fe („Quel­le“) und Eucha­ris­tie („Brot“).

Die zwei­te Stro­phe beschreibt den Segen poe­tisch als Zuwen­dung. Segen bringt „Wär­me und Licht“. Er bleibt nicht anonym, son­dern ist Begeg­nung von Ange­sicht zu Ange­sicht, gera­de im Ernst­fall des Lei­dens. Sol­che Zuwen­dung des Seg­nens hat ihr Pen­dant in der Abwen­dung des Bösen (3. Stro­phe), das in die­sem Lied nicht ver­schwie­gen wird. Erlö­sung und Frie­den sind zwei Wor­te für das eine Ziel, das die Bibel „Reich Got­tes“ nennt. Ist es schon da oder steht es noch aus? Dar­auf ant­wor­tet die letz­te Stro­phe: Das „Leben in Fül­le“, das uns im Segen zuge­spro­chen wird, steht noch aus – und ist doch schon da als Ver­hei­ßung – ver­bürgt vom Hei­li­gen Geist und in die­sem Geist zu ver­ste­hen, ja zu ergrei­fen.

Im Rück­blick wird der drei­fa­che Auf­bau des Lie­des deut­lich: Die ers­te Stro­phe besingt Gott den Vater, die zwei­te und drit­te nen­nen den Sohn, der das Lei­den mit­trägt und das Böse abwehrt; doch erst der Geist „um uns“ führt uns in die­se Wahr­heit ein. Mit die­sem tri­ni­ta­ri­schen Rhyth­mus über­trägt Eugen Eckert, der Ver­fas­ser der Wor­te, die abschlie­ßen­de Segens­for­mel „das gewäh­re euch der drei­ei­ni­ge Gott“ auf das gesam­te Lied.

Die­ser inne­re Span­nungs­bo­gen legt es nahe, gera­de die­ses Lied immer ganz zu sin­gen und kei­ne Stro­phe aus­zu­las­sen.

Dass es in Moll steht, macht das Segens­lied kei­nes­wegs kraft­los. Die Melo­die schuf der schwe­di­sche Theo­lo­ge Anders Ruuth um 1968 in Bue­nos Aires. Inspi­riert war er dabei von argen­ti­ni­scher Volks­mu­sik und von Tan­go-Klän­gen. Der ruhig schwin­gen­de Drei­er­takt wird durch eine Syn­ko­pe am Ende des ers­ten Sat­zes belebt, die nicht hek­tisch oder eckig klin­gen darf. Das Lied kommt aus der Tie­fe. Melo­disch und har­mo­nisch öff­net sich der ers­te Teil erwar­tungs­voll bit­tend, nach­dem der Ton­raum einer gan­zen Okta­ve von unten nach oben durch­schrit­ten ist. Der zwei­te Teil weist dann von oben nach unten, was durch die Wie­der­ho­lung noch ver­stärkt wird.

Nichts ande­res ist der Segen: zunächst die Bit­te aus der Tie­fe, dann der Zuspruch aus der Höhe, denn „der Segen kommt von oben“. Des­halb führt die ers­te Stro­phe von „unsern Wegen“ bis zu „dei­nem Segen“. Die letz­te Stro­phe schlägt dann die ande­re Rich­tung ein: Der Segen ent­lässt uns, auch auf neue Wege.

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