»Du rufst uns, Herr, an deinen Tisch«
(GL 146)

Wor­te: Johan­nes Jour­dan (1969); Musik: Andre­as Leh­mann (1969)

 

Liedportrait von Meinrad Walter

Die „Kar­rie­re“ eines Lie­des kann sehr ver­schie­den sein. Man­che Gesän­ge blei­ben unent­deckt, ande­re sind sofort erfolg­reich, eini­ge wer­den rasch bekannt und sind auch bald wie­der ver­ges­sen. Das Lied „Du rufst uns, Herr, an dei­nen Tisch“ fin­det erst spät, fast ein hal­bes Jahr­hun­dert nach sei­ner Ent­ste­hung, in den Stamm­teil eines Gebet- und Gesang­bu­ches.

Johan­nes Jour­dan (geb. 1923), Autor zahl­rei­cher Lied­tex­te, hat sich als evan­ge­li­scher Gemein­de­pfar­rer in Darm­stadt (1952-1986) sehr enga­giert für Jazz und Popu­lar­mu­sik in der Kir­che ein­ge­setzt. Dabei hat er mit vie­len Musi­kern zusam­men­ge­ar­bei­tet. In die­sem Lied heißt sei­ne Fra­ge: Wie kön­nen wir Men­schen sin­gend und in heu­ti­ger Spra­che an das „Her­ren­mahl“, das Sakra­ment von Brot und Wein, her­an­füh­ren? Der Kom­po­nist Andre­as Leh­mann – er war Kir­chen­mu­si­ker in Karls­ru­he und Han­no­ver­schmün­den – unter­stützt ihn musi­ka­lisch bei der vier­stro­phi­gen Ant­wort auf die­se wich­ti­ge Fra­ge.

Das Lied ist ein kom­po­nier­tes Gebet. Ange­spro­chen, ins­ge­samt 12 Mal, ist der „Herr“, der die­ses Mahl gestif­tet hat. Er ruft uns (Stro­phen 1 und 4) und wir kom­men (Stro­phen 2 und 3), indem wir sein ein­la­den­des Wort auf­grei­fen: „Herr, dein Wort ist die Kraft …“. Dabei klingt fast kon­tra­punk­tisch der Zusam­men­hang von Mahl (Altar) und Wort (Ambo) auf. Es geht um das Mahl, aber besun­gen wird zugleich Jesu Ein­la­dung in sei­nem Wort. Das Lied ins­ge­samt ist die Ant­wort. Es bringt in einem gelun­ge­nen Span­nungs­bo­gen über alle Stro­phen hin­weg die wich­ti­gen Moti­ve der Ver­kün­di­gung Jesu.

Die ers­te Stro­phe erin­nert an Jesu Abend­mahl, das wir in „lit­ur­gi­scher Gleich­zei­tig­keit“ fei­ern, ver­schweigt aber auch das schwie­ri­ge Wort „Opfer“ nicht.

Nicht nur damals hat Jesus Wein ein­ge­schenkt. Er tut dies für uns, hier und heu­te: „Du schenkst uns sel­ber ein“. Im Refrain klingt „das Neue“, ein Zitat aus dem Luka­sevan­ge­li­um: „Die­ser Kelch ist der Neue Bund in mei­nem Blut, das für euch ver­gos­sen wird“ (Lk 22,20). Die zwei­te Stro­phe bedenkt und besingt „Ver­lo­ren­heit“ und „Ver­söh­nung“. Chris­tus, der die Tür nicht nur öff­net, son­dern sagt „Ich bin die Tür“ (Johan­nes 10,9), er hat neue Wege zu Gott beschrit­ten und ruft uns in sei­ne Nach­fol­ge.

In der drit­ten Stro­phe wird das Mahl zum Auf­trag, die Samm­lung wird zur Sen­dung. Nun klingt der Frie­dens­gruß an, der zur Tisch­ge­mein­schaft dazu gehört. Die letz­te Stro­phe kon­kre­ti­siert das „Gebot“ aus der drit­ten zum Lie­bes­ge­bot und begrün­det das mit Jesu Bot­schaft: Er sitzt mit uns am Tisch in Gestalt der Armen und Bedräng­ten. Das Mahl drängt gleich­sam aus dem Kir­chen­raum hin­aus. Chris­tus begeg­net uns „in jedem, der uns braucht“. Im Hin­ter­grund ste­hen Bibel­stel­len wie Mat­thä­us 25,40: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen mei­ner gerings­ten Brü­der getan habt, das habt ihr mir getan.“ Auch an die Fuß­wa­schung Jesu dür­fen wir den­ken und die­ses Lied etwa am Grün­don­ners­tag sin­gen.

Die biblisch inspi­rier­ten Wor­te von Johan­nes Jour­dan öff­nen vie­le Hori­zon­te. Die Musik reißt gleich zu Beginn den Ton­raum einer Oktav auf, als ob „der Herr“ mit gro­ßer Ges­te in Rich­tung des Tisches zeigt, zu dem er ruft. Die ers­te Lied­hälf­te ist zwei­tei­lig mit vier Zei­len in der Abfol­ge von a-b/a-b; die zwei­te ist ähn­lich auf­ge­baut, tauscht aber die Moti­ve: b‘-a‘/b‘-a‘. Daduch lässt sich das Lied leicht in Vorsänger/Schola und Alle mit jeweils vier­tak­ti­gen Abschnit­ten ein­tei­len. Bei der Ein­füh­rung ist zudem der orga­ni­sche Über­gang zwi­schen Vor­spiel und Stro­phe wich­tig, damit der „Ein­stieg“ auf den drei Ach­tel­no­ten gelingt.

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