»Heilig, heilig, heilig«
(GL 200)

Wor­te und Musik: Oli­ver Sper­ling

 

Liedportrait von Meinrad Walter

Vie­le ver­ach­ten die ede­le Musik …“ – so beginnt ein Lob­lied auf die Ton­kunst aus der Barock­zeit, das neu­er­dings durch die Band „Wise Guys“ wie­der popu­lär gewor­den ist. Die ers­te Stro­phe schließt mit den har­schen Wor­ten: „Aber die sol­ches hier unten nicht ehren, die sol­len auch dro­ben das Sanc­tus nicht hören!“ Die Musik „hier unten“ und „dort dro­ben“ steht irgend­wie in einem Zusam­men­hang, ja Zusam­men­klang. Und das Sanc­tus ist, mehr noch als das Glo­ria, aber durch­aus ähn­lich dem Hal­le­lu­ja-Ruf, Inbe­griff der himm­li­schen Musik.

Wie aber klingt die Musik im Him­mel, wenn die Engel ihr Got­tes­lob anstim­men? Eine Ant­wort – ohne Noten frei­lich! – gibt der alt­tes­ta­ment­li­che Pro­phet Jesa­ja im sechs­ten Kapi­tel sei­nes Buches. Da schil­dert er in einer gera­de­zu erre­gen­den Visi­on, wie er den Him­mel schaut. Die­se Lesung hören wir am 5. Sonn­tag im Jah­res­kreis (Lese­jahr C). Jesa­ja sieht und hört die Sera­phim mit ihren sechs Flü­geln, und er spürt bei ihrem Gesang, wie die Tür­schwel­len erbe­ben: „Im Todes­jahr des Königs Usi­ja sah ich den Herrn. Er saß auf einem hohen und erha­be­nen Thron. Der Saum sei­nes Gewan­des füll­te den Tem­pel aus. Sera­fim stan­den über ihm. Jeder hat­te sechs Flü­gel: Mit zwei Flü­geln bedeck­ten sie ihr Gesicht, mit zwei bedeck­ten sie ihre Füße und mit zwei flo­gen sie. Sie rie­fen ein­an­der zu: Hei­lig, hei­lig, hei­lig ist der Herr der Hee­re. Von sei­ner Herr­lich­keit ist die gan­ze Erde erfüllt. Die Tür­schwel­len beb­ten bei ihrem lau­ten Ruf und der Tem­pel füll­te sich mit Rauch“ (Jesa­ja 6).

Die­ser Gesang erklingt bekannt­lich in jeder Hei­li­gen Mes­se als „Sanc­tus“. Mit unse­rem irdisch-zeit­li­chen Gesang stim­men wir in den himm­lisch-ewi­gen Chor der Engel ein, von dem auch im letz­ten Buch des Neu­en Tes­ta­ments die Rede ist: „Sie ruhen nicht, bei Tag und Nacht, und rufen: Hei­lig, hei­lig, hei­lig ist der Herr, der Gott, der Herr­scher über die gan­ze Schöp­fung“ (Offen­ba­rung 4,8).

Wenn unser Sanc­tus erklingt, sind wir „Kol­le­gen der Engel“, wie Karl Kar­di­nal Leh­mann es in einer Anspra­che vor Kin­der­chö­ren for­mu­liert hat. Der pro­tes­tan­ti­sche Pre­di­ger Phil­ipp Nico­lai nennt uns „Kon­sor­ten der Engel hoch um dei­nen Thron“ in der drit­ten Stro­phe des berühm­ten Lie­des „Wachet auf, ruft uns die Stim­me“ aus dem Jahr 1599. Kom­po­nis­ten haben das Sanc­tus durch­aus ver­schie­den ver­stan­den: eksta­tisch-jubelnd in Clau­dio Mon­te­ver­dis Mari­en­ves­per (1610), pracht­voll-mehr­chö­rig in Johannn Sebas­ti­an Bachs h-Moll-Mes­se (1724), dop­pel­chö­rig in einem „Hei­lig“ von Carl Phil­ipp Ema­nu­el Bach (1776), mys­tisch-anbe­tend in Franz Schu­berts Deut­scher Mes­se (1827), um nur weni­ge Bei­spie­le auf­zu­zäh­len.

Die Regel beim Sanc­tus ist der Gemein­de­ge­sang mit Orgel­be­glei­tung, ger­ne mit cho­ri­scher und orches­tra­ler Unter­stüt­zung. Der Bei­trag des Köl­ner Dom­mu­si­kers Oli­ver Sper­ling zum Sanc­tus ist eben­so hym­nisch wie ein­gän­gig, was bei dem lit­ur­gisch vor­ge­ge­be­nen Wort­laut gar nicht so ein­fach ist. Geglückt ist eine aus­ge­wo­ge­ne Mischung aus Vier­tel- und Ach­tel­be­we­gung, die kla­re Akzen­te setzt: die Her­vor­he­bung von „Gott“ durch einen Quart­sprung, die Beto­nung von „Herr­lich­keit“ durch den punk­tier­ten Rhymth­mus, die Stei­ge­rung im Hosan­na durch einen Oktav­sprung. Das ers­te Hosan­na öff­net sich melo­disch zur Terz und drängt so nach vorn, wohin­ge­gen das zwei­te sich ganz am Ende zum Grund­ton hin schließt.

Ins­ge­samt ent­fal­tet die­ser Gesang eine Art Sog­wir­kung, die sorg­fäl­tig kal­ku­liert ist. Der Kom­po­nist plant groß­räu­mig, um einer musi­ka­li­schen Kurz­at­mig­keit vor­zu­beu­gen. Im ers­ten Abschnitt führt er melo­disch vom zwei­ten zum drit­ten Takt: „… Gott, Herr aller Mäch­te“. Im zwei­ten Abschnitt führt er gegen Ende zu den Wor­ten „von dei­ner Herr­lich­keit“ har­mo­nisch in eine neue, noch unver­brauch­te Ton­art, wobei das über­lei­ten­de gis leicht sing­bar ist. Im drit­ten Abschnitt, dem ers­ten „Hosan­na“, erzielt er eine rhyth­mi­sche Beschleu­ni­gung durch Ach­tel­wer­te. Das „Hoch­ge­lobt sei …“ wie­der­um greift eini­ge der bis­he­ri­gen Melo­die-Ele­men­te auf, um wie­der­um in einer gro­ßen Ges­te die gesam­te Zei­le zusam­men­zu­fass­sen.

Die­ser Gesang wird am bes­ten schritt­wei­se ein­ge­führt. Im ers­ten Schritt ist der Vor­sän­ger­part einer Scho­la (oder eines Kan­tors) wich­tig, wobei die gesam­te Gemein­de schon in den Hosan­na-Ruf jeweils ein­stimmt. Dann im nächs­ten Schritt sin­gen alle das gesam­te Sanc­tus. Das Pre­digt­wort könn­te auch noch eine Brü­cke schla­gen zwi­schen der ers­ten Lesung (Jesa­ja 6) und dem Ant­wort­psalm (Psalm 138) mit sei­ner musi­ka­li­schen Moti­vik: „… sin­gen von den Wegen des Herrn“. Beim Sanc­tus neh­men wir nicht nur Got­tes Melo­die in uns auf (Igna­ti­us von Antio­chi­en), wir sind Got­tes Melo­die.

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