
Liturgisches Jahrbuch 3/2024
Inhalt der Ausgabe 3/2024
Zu diesem Heft
Willibald Sandler
Charismatisch geprägte Gottesdienste in der katholischen Kirche. Eine geschichtliche Erschließung
Anna-Luisa Czencz
Lobpreis in der katholischen Kirche: eine explorative Umfrage
Jürgen Bärsch
Predigt als liturgische Inszenierung. Eine Spurensuche in Diözesanritualien der Barock- und Aufklärungszeit
Sebastian Schmidt
Liturgie an den Rändern – Von der bayrischen Jugend zu den First Nations in Canada. Bericht über die Tagung der AKL-Junior 2024 in Erfurt
Büchereinlauf
Editorial 3/2024: ZU DIESEM HEFT
Auch gottesdienstliches Leben wird immer pluraler und vielgestaltiger. Das zeigen Beobachtungen in den beiden großen Konfessionskirchen des deutschen Sprachraums. Hier tritt neben den etablierten, amtlich geregelten Liturgien und Hochformen des Gottesdienstes eine Vielzahl neuer Formate hinzu, die in Verkündigung, Musik und Gebet eher ungewohnte Wege gehen und verschiedentlich Anleihen an charismatischen oder freikirchlichen Formen des Gottesdienstes nehmen. Längst sind auch jenseits der Kirchen überkonfessionelle oder konfessionsungebundene Orte entstanden, die eine eigene Ästhetik und Kultur des Gottesdienstes entwickelt haben und in ihren Gestaltungsformen sich bewusst an zeitgenössischen Großevents orientieren. Hier spielt die Inszenierung von Raum, Licht und Musik oft eine zentrale Rolle. Lobpreis und Anbetung, Handauflegung und Segnung, freies Beten und spontane Glaubenszeugnisse sind markante Elemente. Man denke nur an die Gebetshäuser, wie sie in Augsburg, München oder Innsbruck entstanden sind, die mit ihren Veranstaltungen und Konferenzen eine beeindruckende Anzahl von jungen Menschen anziehen, aber auch berechtigte Anfragen hervorrufen.
Es ist eine Aufgabe der Theologie, solche Entwicklungen kritisch zu begleiten. Deshalb muss sich auch die Liturgiewissenschaft mit den Initiativen, neue Formate gottesdienstlichen Feierns zu gestalten, auseinandersetzen und nach Kriterien für theologisch verantwortbares Handeln fragen. Dies erscheint umso wichtiger, wenn Elemente von Lobpreis- und Anbetungsfeiern in den Gottesdienst der Kirche einfließen sollen. Obwohl charismatisch geprägte Gottesdienste oder freikirchliche Verkündigungsevents bereits viele Jahre praktiziert werden, sind sie bislang eher wenig in theologischen Studien analysiert worden. Noch weniger existieren empirische Untersuchungen. Das vorliegende Heft nimmt sich der neuen Formen von Verkündigung und Gottesdienst an.
Zunächst geht Willibald Sandler (Innsbruck) als systematischer Theologe der Charismatischen Erneuerung in der katholischen Kirche und ihrer gottesdienstlichen Kultur nach. In seinem Beitrag verfolgt er die historischen Entwicklungen, beschreibt Einflüsse, Veränderungen und Neuorientierungen, die sich in den 2000er-Jahren noch einmal verstärkten, und zeichnet am Beispiel der Loretto-Gemeinschaft religionswissenschaftliche Aspekte charismatisch geprägter Gottesdienste auf. Dabei seien es weniger die auffälligen Merkmale in Musik, Gestik, Sprache, die einen so akzentuierten Gottesdienst ausmachen. Vielmehr gehe es, so kennzeichnet es Sandler, um einen dynamischen Vorgang in zwischen den Feiernden, die sie auf das erfahrbare Wirken des Heiligen Geistes zurückführen.
Ein besonders eindrückliches Element charismatisch geprägter Feiern sind die Lobpreislieder und die Lobpreismusik. Längst haben sie sich auch in (Jugend-)Liturgien der großen christlichen Kirchen beheimatet und eine eigene Form des Gottesdienstes entstehen lassen. Anna-Luisa Czencz nähert sich diesem Phänomen mit einem empirischen Erkenntnisinteresse. Sie fragt, wie in der liturgischen Praxis Lobpreis platziert wird und wie die Mitfeiernden darauf reagieren. Nach einer musikologischen Analyse einiger ausgewählter Lobpreislieder wertet sie eine Umfrage unter Teilnehmenden eines Anbetungsabends in Göppingen aus. Dabei kommt sie zum Schluss, dass so akzentuierte Feiern zur Stärkung des kirchlichen Gemeinschaftsgefühls beitragen und als eine Weise der Gottesbegegnung erfahren werden können.
Dass die geistliche Wirkung von Verkündigung und Gebet nicht erst in jüngerer Zeit reflektiert und bewusst inszeniert wird, wird im Beitrag von Jürgen Bärsch (Eichstätt) deutlich, der die Ordnungen zur Predigtliturgie in Diözesanritualien des deutschen Sprachgebietes aus der Zeit des 17. bis 19. Jahrhunderts untersucht. Es zeigt sich, dass auch frühere Zeiten durchaus Sinn für die gestalterische Inszenierung des Kanzelauftritts und des Predigtgeschehens bewiesen haben.


