»Nun sich das Herz von allem löste«
(GL 509)

Wor­te von Jochen Klep­per (1903–1942); Musik von Hans Jacob Hojgaard (1904–1992)

 

Liedportrait von Meinrad Walter

Die Ursprün­ge vie­ler Lie­der ver­lie­ren sich im Dun­keln. Oft­mals ken­nen wir weder die genaue Zeit der Ent­ste­hung noch den Namen des Ver­fas­sers. Bei die­sem Lied ist das ganz anders. Sei­ne drei Stro­phen ste­hen in einem der berühm­tes­ten Tage­bü­cher des 20. Jahr­hun­derts, ent­stan­den in fins­te­ren Zeit­läuf­ten zwi­schen 1932 und 1942 und ver­öf­fent­licht unter dem Titel „Unter dem Schat­ten dei­ner Flü­gel“. Dort sind auch die bibli­sche Inspi­ra­ti­ons­quel­le, der bedrü­cken­de Anlass des Lie­des sowie die fami­liä­re Wid­mung „Mei­nem Kin­de“ ange­ge­ben. Das genaue Datum ist der 29. August 1940.

Wer ist der Autor von Lied und Tage­buch? Der 1903 in Beu­then an der Oder gebo­re­ne Jochen Klep­per arbei­te­te vor und nach sei­nem erfolg­rei­chen Roman „Der Vater. Roman des Sol­da­ten­kö­nigs“ (1937) jour­na­lis­tisch und für den Rund­funk. Schließ­lich mach­te sei­ne Hei­rat mit der ver­wit­we­ten Jüdin Johan­na Stein-Gers­tel (1890–1942), die er „Han­ni“ nann­te, ein beruf­li­ches Fort­kom­men im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land unmög­lich. Die Bedräng­nis der gesam­ten Fami­lie mit den bei­den Töch­tern aus Han­nis ers­ter Ehe – mit „mei­nem Kin­de“ ist Klep­pers acht­zehn­jäh­ri­ge Stief­toch­ter Rena­te, genannt „Ren­er­le“ gemeint – wur­de immer grö­ßer und schließ­lich so uner­träg­lich, dass sie ihrem Leben in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezem­ber 1942 selbst ein Ende setz­ten. Es war wohl, inmit­ten aller Schre­cken, ein Ende in tief gläu­bi­ger Hoff­nung auf Voll­endung.

Klep­pers geist­li­che Lie­der sind der Inbe­griff biblisch inspi­rier­ter Dich­tung in luthe­ri­scher Tra­di­ti­on. Die Losun­gen aus der Hei­li­gen Schrift gibt der Autor in sei­nem Tage­buch jeweils mit an. Am 28. August ist es Psalm 109,21: „Herr Herr, sei du mit mir um dei­nes Namens wil­len; denn dei­ne Gna­de ist mein Trost“; und am Don­ners­tag, den 29. August, ist es Psalm 51,14: „Trös­te mich wie­der mit dei­ner Hil­fe, und mit einem freu­di­gen Geist rüs­te mich aus.“ Zwi­schen Bibel­spruch und Trost­lied ste­hen nur weni­ge Sät­ze: „Ein freu­di­ger Geist – die­se Wor­te dür­fen dem beschwer­ten Her­zen nicht ganz fremd wer­den. Heu­te bekam Ren­er­le die Auf­for­de­rung, sich mit Arbeits­buch und Kenn­kar­te auf dem Arbeits­amt zu mel­den, am Mon­tag. Das bedrückt uns sehr, denn meh­re­re Mäd­chen in Ren­er­les Alter und Lage arbei­ten schon zwangs­wei­se hier in der Rüs­tungs­in­dus­trie. – Ren­er­le sagt: Nur ein­mal das Gefühl haben dür­fen, dass es nicht immer noch schwe­rer kommt.“ Dar­auf wie­der­holt Klep­per den Bibel­spruch des Vor­tags „Dei­ne Gna­de ist mein Trost“ (Psalm 109,21) und es folgt das mit der Wid­mung „Mei­nem Kin­de“ über­schrie­be­ne Lied in drei Stro­phen.

Denk­bar ein­fach ist der Auf­bau des Lie­des, denn er ist tri­ni­ta­risch. Aller­dings beim Hei­li­gen Geist begin­nend, weil er „der Trös­ter ist“ (vgl. Joh 14,26). Jochen Klep­per insze­niert gleich­sam den Glau­ben als Vor­gang im Her­zen: Sich-Lösen von allem „Glück und Gut“ (Stro­phe 1) und Sich-Fin­den auch im „Schwe­ren“ (Stro­phe 2). Der Geist als Trös­ter und Chris­tus der hei­len­de Arzt. In der drit­ten Stro­phe aber klingt alles anders. Nicht mehr das mensch­li­che Herz ergreift die Initia­ti­ve. Viel­mehr lässt es sich heben und hal­ten vom väter­li­chen Gott, der nicht nur „kommt“, son­dern „bleibt“.

In den letz­ten bei­den Zei­len nennt Klep­per die Ant­wort des Glau­bens. Sie heißt Got­tes­lob und kommt nicht immer leicht über die Lip­pen. Hier aber „über­singt“ das Lob sogar die Zei­len­struk­tur, die das Vers­maß vor­ge­ge­ben hat­te: „Und zum Loben / wird unser Kla­gen. Dir sei Preis!“ Die­ses Lied des Ver­trau­ens fin­det Wor­te auch für das Leid. Aus dem Mund von Jochen Klep­per klin­gen sie glaub­wür­dig, fast wie ein Zwie­ge­spräch „von Herz zu Herz“. Die Melo­die von Hans Jacob Hojgaard (1904–1992), der als Leh­rer und Chor­lei­ter auf den Färö­er-Inseln gewirkt hat, unter­stützt den hof­fen­den Ges­tus die­ses Lie­des.

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