»Selig, wem Christus auf dem Weg begegnet«
(GL 275)

Wor­te von Ber­nar­din Schel­len­ber­ger 1978/2011; Melo­die nach Paris 1681

 

Lied­por­trait von Mein­rad Walter

Um 1970 ist die­ser vier­stro­phi­ge Text in einem klös­ter­li­chen Kon­text ent­stan­den. Die Ordens­ge­mein­schaf­ten stan­den nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil vor der Auf­ga­be, deut­sche Ver­sio­nen des zuvor latei­ni­schen Stun­den­ge­bets zu erar­bei­ten. Dafür wur­den Arbeits­grup­pen gebil­det. Ber­nar­din Schel­len­ber­ger (geb. 1944) hat als Mit­glied eines Teams zur Schaf­fung neu­er Hym­nen etwa hun­dert sol­cher Bei­trä­ge ver­fasst. Das Vers­maß war in der Regel vor­ge­ge­ben, weil die neu­en Hym­nen auf alte, bis­wei­len etwas ver­ein­fach­te Melo­di­en gesun­gen wer­den soll­ten. Beim Inhalt ent­schied der Autor sich dafür, nicht nur „objek­ti­ve Wahr­hei­ten“ zu nen­nen, son­dern „das kon­kre­te Leben“ mit ein­zu­be­zie­hen. Der ursprüng­li­che lit­ur­gi­sche „Sitz im Leben“ die­ses Gesangs war also das monas­ti­sche Stun­den­ge­bet, näher­hin die Tag­zei­ten­lit­ur­gie an Gedenk­ta­gen für selig- oder hei­lig­ge­spro­che­ne Ordens­leu­te.

Gleich die ers­te Stro­phe führt uns direkt in eine bibli­sche Situa­ti­on. Um eine Beru­fungs­ge­schich­te geht es – was ja ein The­ma nicht nur für Ordens­leu­te, son­dern für alle Chris­ten ist. Jesus trifft Men­schen auf ihrem Lebens­weg und ruft sie in sei­ne Nach­fol­ge mit knap­pen, aber ein­dring­li­chen Wor­ten wie „Auf, mir nach!“ Der Kom­men­tar zur Situa­ti­on ist gebün­delt in einem ein­zi­gen Wort, das einen gro­ßen bibli­schen Reso­nanz­raum eröff­net, von den Psal­men über Jesu Berg­pre­digt bis zu der visio­nä­ren Schil­de­rung der Offen­ba­rung des Johan­nes: „Selig!“ Die­ser Hym­nus ist also eine Selig­prei­sung der Nach­fol­ge­rin­nen und Nach­fol­ger Jesu.

Ver­schie­de­ne bibli­sche Aspek­te der Nach­fol­ge Chris­ti kom­men zur Gel­tung: das Ver­las­sen alles Irdi­schen bis hin zur Kreu­zes­nach­fol­ge (Stro­phe 1) sowie Wüs­ten­er­fah­run­gen und Gemein­schaft (Stro­phe 2). Die drit­te Stro­phe nennt einen wich­ti­gen ver­kün­di­gen­den Aspekt: die Wor­te und Taten der Nach­fol­gen­den machen Chris­ti Bot­schaft leben­dig. Ja, die Nach­fol­gen­den sind zu allen Zei­ten Boten des Got­tes­rei­ches. So wird ein Stück des Rei­ches Got­tes schon heu­te Gegen­wart. Des­sen end­gül­ti­ge Zukunfts­di­men­si­on besingt dann die letz­te Stro­phe: „… dein Reich wird kom­men“.

Im Got­tes­lob steht die­ser Hym­nus unter der Rubrik „Öster­li­che Buß­zeit“, was durch die The­ma­tik Nach­fol­ge und Umkehr nahe liegt. Im Lese­jahr B gibt es aller­dings kurz vor der Fas­ten­zeit schon einen Sonn­tag, der für die Ein­füh­rung die­ses Lie­des beson­ders geeig­net ist: der 3. Sonn­tag im Jah­res­kreis. Hier hören wir das Mar­kus-Evan­ge­li­um mit Jesu Wort: „Kommt her, folgt mir nach! Ich wer­de euch zu Men­schen­fi­schern machen.“ (Mar­kus 1,17) Mit­samt der kla­ren Ant­wort: „Sogleich lie­ßen sie ihre Net­ze lie­gen und folg­ten ihm.“ (Mar­kus 1,18) Die ers­te Lesung han­delt vom Weg des Pro­phe­ten Jona nach Nini­ve (Jona 3), die zwei­te von der „Gestalt die­ser Welt“, die ver­geht (1 Korin­ther 7), und der Ant­wort­psalm beginnt mit der Bit­te „Zei­ge mir, Herr, dei­ne Wege; leh­re mich dei­ne Pfa­de!“ (Psalm 25,4) Von der Nach­fol­ge han­delt auch der Kom­mu­ni­on­vers „Wer mir nach­folgt, wird nicht in der Fins­ter­nis gehen. Er wird das Licht des Lebens haben.“ (Johan­nes 8,12)

War­um sol­len wir da nicht gleich den Eröff­nungs­vers die­ses Sonn­tags ernst neh­men – „Sin­get dem Herrn ein neu­es Lied, singt dem Herrn, alle Lan­de“ (Psalm 96,1) und die­sen Hym­nus „Selig, wem Chris­tus auf dem Weg begeg­net“ neu ein­füh­ren? Beson­ders geeig­net wäre dazu auch eine Lied­pre­digt, die der Pre­di­ger eigent­lich nur zu einem Drit­tel noch schrei­ben muss, weil die Lese­ord­nung die bibli­sche Grund­la­ge ja schon „kom­po­niert“ hat und weil das Lied dazu die klin­gen­de Zusam­men­fas­sung bie­tet.

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